Geköpfte Tabakpflanze in der Nachmittagssonne
Geköpfte Tabakpflanze

Wissenspool

Der Aufstieg der Zigarrenindustrie am badischen Beispiel

Während des 19. Jahrhunderts war die Zigarre ununterbrochen im Vormarsch, Kau- und Schnupftabake kamen aus der Mode. Die ab dem letzten Drittel des Jahrhunderts hergestellten Zigaretten konnten sich noch nicht richtig durchsetzen. Gemessen am Wert der hergestellten Fabrikate betrug gegen Ende des 19. Jahrhunderts der Anteil der Zigarren ca. 78%, der des Rauchtabaks 12%, der Zigaretten ca. 3% und der des Kau- und Schnupftabaks etwa 7%, so die Historikerin Irmtraud Gensewich. 91% aller deutschen Arbeitskräfte in der Tabakindustrie waren mit der Herstellung von Zigarren beschäftigt.

Ähnlich wie in Österreich seit 1784 geschehen, versuchte Bismarck fast 100 Jahre später auch in Deutschland ein Tabakmonopol durchzusetzen, scheiterte jedoch mit diesen Plänen. Statt dessen wurde eine Gewichtssteuer für inländische Tabake verfügt, aber auch die Einfuhrzölle auf ausländische Tabake stiegen per Gesetz von 1879 zu regelrechten Schutzzöllen an. Auch ein zweiter Anlauf zu einem Monopol 1882 scheiterte an diversen Interessensgruppen.

Ein Zentrum des Tabakanbaus wie der Produktion lag in Baden. 1885 wurden im Großherzogtum ca. ein Viertel aller deutschen Zigarren hergestellt. Von da an jedoch entwickelte sich das Gebiet bis zum Ersten Weltkrieg zum größten deutschen Tabakanbaugebiet. Von 1871 bis 1913 stieg der Anteil der badischen Anbaufläche an jener des gesamten Reichsgebietes von gut 31% auf über 42%, blieb jedoch in absoluten Zahlen (7000-9000 ha) relativ konstant, da nämlich die Gesamtanbaufläche Deutschlands im selben Zeitraum von über 22.000 ha auf ca. 14.000 ha sank. In einem Standardwerk über die badische Landwirtschaft von 1903 kann man lesen: "Ohne sich einer Übertreibung schuldig zu machen, darf man wohl mit Recht behaupten, daß der deutsche Tabak vorzugsweise ein badisches Gewächs ist." In absoluten Zahlen wurden im Deutschen Reich zwischen 1871 und 1880 jährlich durchschnittlich an die 39.000 t Tabake geerntet, davon knapp 11.000 t in Baden, Tendenz steigend.

Mit den Importtabaken konnte aber auch der hochwertigste inländische Tabak nicht mithalten. Die Hersteller in den Hansestädten Hamburg und Bremen verlegten sich auf das qualitativ und preislich anspruchsvollere Importqualitäts-Segment, da sie mit den günstigen badischen Produktionsbedingungen nicht mithalten konnten. Zwar waren die Tabak-Hektarerträge in Elsaß-Lothringen noch höher, doch konzentrierte man sich dort auf ein schweres Blatt, das viel auf die Waage brachte, während die badischen Anbauer Wert auf die Erzielung eines relativ hochwertigen, dünnen Blattes legten. Dies zeigt sich daran, daß die badischen Tabake im Verkaufswert an der absoluten Spitze aller Inlandsqualitäten im Reich lagen. Vor allem die Deckblätter waren gesucht. Es ist daher nur im überseeischen Vergleich richtig, wenn man davon spricht, daß die badische Tabakindustrie auf die Produktion billiger Zigarren spezialisiert war.

Der in Baden angebaute sog. "Pfälzer Tabak" ähnelte dem Havannatabak, die Zigarren wurden im Aussehen den kostspieligeren echten Havanna-Zigarren täuschend ähnlich nachgeformt. Bis etwa 1860 gelang es, einen Großteil davon in die USA abzusetzen, der dort zunehmende Konkurrenzkampf zwang aber die badische Tabakwaren-Industrie sich verstärkt nach inländischen Absatzmöglichkeiten umzusehen. Bis 1900 gelang es, im Segment für billige Zigarren (4-5 Pf. pro Stück) ein Quasi-Monopol im Deutschen Reich aufzubauen und dadurch die bisher in diesem Segment tonangebende westfälische und sächsisch-thüringische Konkurrenz zu verdrängen. Dies gelang auch deswegen, weil man den Übergang von den schweren dickrippigen Pfeifentabaken zu den leichteren Zigarrentabaken gut über die Bühne brachte. Zudem gab es so etwas wie eine Übereinkunft bei der Arbeitsteilung, indem sich bestimmte Gemeinden auf die Gewinnung guter Deckblätter, andere auf die Herstellung eines besonders guten Einlagetabaks konzentrierten. Ähnlich wie im zweiten kontinentaleuropäischen Tabakanbau-Zentrum, in der zur Habsburgermonarchie gehörigen ungarischen Tiefebene, wurde das zarte und riskante, aber potentiell verdienstträchtige Pflänzchen Tabak vor allem für die kleinen Betriebe als Zusatzverdienst zum Getreide betrachtet, um das sich vorwiegend die Frauen und Kinder kümmerten.

Neben dem Klima und den Schutzzöllen scheint es die unmittelbare Nähe von Tabakanbau und -verarbeitung gewesen zu sein, die den Aufstieg der Region begünstigte. Die wichtigsten Anbaugebiete waren die mittlere und untere Rheinebene, der Pfinz- und Kraichgau sowie das Bauland, in zweiter Linie der nördlichste Teil der Rheinebene und der Kaiserstuhl. Dort stimmte das warme Klima mit genügend Luftwärme und -feuchtigkeit und es gab ausreichend sandige Böden. Und man wußte, dass Tabak eine sehr lockere, an Humus reiche Ackerkrume von großer Schichtendichte benötigte, die häufig durchpflügt und reichlich gedüngt werden mußte (Stalldünger, Malzkeime, Hornspäne etc.). Aus Tradition wußte man aber auch um die arbeitsaufwendige Pflege der Tabakpflanzen, die ein Kenner Anfang des 20. Jahrhunderts schilderte, nämlich "daß für die 9000 ha Tabakfläche etwa 400 Mio. Tabakpflänzchen benötigt werden, welche einzeln, Pflanze für Pflanze, mit der Hand in den sorgfältig vorbereiteten Ackerboden eingesetzt werden mußten. Bis dann jedes der 400 Mio. behackt, geköpft, 2-3 Mal gegeizt, bis 4-5 Milliarden (nieder gerechnet!) Blätter einzeln gebrochen und Blatt für Blatt in Schnüre aufgenäht sind - welcher Fleiß und welche Ausdauer ist dazu nötig!"

Eine weitere Steuer- und Einfuhrzoll-Erhöhung 1909 verstärkte den Rationalisierungsdruck auf alle Hersteller im Zollgebiet, die aus verschiedenen Gründen die gestiegenen Kosten nicht vollständig auf die Konsumenten abwälzen konnten. Stattdessen mußten, um die Gewinne nicht zu schmälern, die Produktionskosten reduziert werden. Dadurch begann eine allgemeine Wanderung der Hersteller von zentralisierten Manufakturen in großen Städten in die kostengünstigeren ländlichen Regionen mit ausreichend bäuerlichen Nebenerwerbskräften. Dadurch rückten Urproduzenten und Verarbeiter noch näher aneinander und es entfielen Transportkosten. In vielen Fällen verarbeitete der Landwirt den Tabak mit Frau, Kindern und Gesinde selbst zu Zigarren, zumindest aber hatte der Landwirt eine Ahnung, worauf es bei der Verarbeitung ankam und der Fabrikant kannte andererseits die agrarische Seite aus eigener Anschauung. Dadurch entstand eine stark dezentralisierte Industrie, die jedoch immer stärker auf extrem niedrige Löhne setzte, bis die Vorherrschaft der Importtabake für Zigaretten auch diese extrem kostengünstigen Strukturen brach.

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